Jede Folge stellen wir euch zu unserem Thema des Monats drei Spiele vor. Das sind mittlerweile eine ganze Menge. Wer hat welche Folge gewonnen? Welche Themen wurden eigentlich schon besprochen? Welche Spiele haben es nicht geschafft? Mit diesen Fragen seid ihr hier im Archiv genau richtig.
Wusstet ihr, dass die Zuhörer:innen bei uns mitentscheiden können, welche Spiele gewinnen? Benutzt einfach unser Formular auf der Webseite und stimmt mit ab. Die nächste Gelegenheit habt ihr dafür zum Thema Farben bis zum 20.03. Jede Stimme zählt. Viel Spaß beim Mitmachen!
Ich höre gerne Musik und ich mag Alben. Ein tolles Album ist eine musikalische Reise, keine bloße Aneinanderreihung von Tracks. Rumours von Fleetwood Mac. Metallicas Black Album. Get Rich or Die Tryin’ von 50 Cent. Und natürlich folklore von Taylor Swift. Trotzdem verstehe ich natürlich den Reiz der Greatest Hits. “80er, 90er und das Beste von heute.” Aber bei dem Versuch, Musik so lange zu sieben, bis nur noch die Tracks übrig sind, auf die wir uns alle einigen können, nur das Beste vom Besten, nehmen wir notwendigerweise eine Reduktion vor. Wir entfernen den Kontext, den das Album liefert. Keine Reise ans Ziel. Ausschließlich Ziel.
Die Idee eines Mixtapes wiederum verspricht, sehr wohl Kontext zu liefern und zwar persönlichen. Der Soundtrack unserer Jugend; die Musik, die uns verbindet; die die gesammelten Erinnerungen unserer Jugend bündelt und in ein stringentes, bedeutungsvolles Narrativ webt. Was für ein wundervoller Gedanke.
Mixtape von Beethoven & Dinosaur hat genau diesen Spagat zwischen allgemeingültig und spezifisch für viele geschafft. Besonders bei der Mehrheit der Kritiker:innen ist der Titel voll gelandet, errung sogar für kurze Zeit den Platz des bestbewerteten Spiels des Jahres auf der Aggregatswebseite Open Critic. “Die quintessentielle Teenager Experience mit exquisitem Soundtrack und voller bedeutsamer Momente.”
Mich persönlich haben die gut drei Stunden mit Mixtape perplex zurückgelassen. Im Gegensatz zu vielen anderen Titeln, die für mich persönlich aus welchen Gründen auch immer nicht landen, habe ich große Schwierigkeiten, mir zu erklären, wie ausgerechnet dieses Spiel so viele überzeugen konnte. Das El Dorado des Walking Simulators, ein Spiel aus schönen Kulissen, deren hauchdünne Natur zu häufig zutage tritt, wenn ich auch nur vorsichtig hinter die glitzernden Fassaden blicke.
Mixtape ist eine Coming-of-Age Story, deren Charaktere eine Pastiche des Genres sind, welches ohnehin bereits eine Tendenz aufweist, mit – nennen wir es großzügig – starken Archetypen zu arbeiten. Das Ergebnis ist sowas wie ein mehrfach durch Google Translate geschickter Text, dessen Essenz irgendwo noch ersichtlich ist, aber in dem sämtliche Feinheiten verloren gegangen sind. Die erste Hälfte des Spiels soll uns das Trio um Rebell:innen Cassandra, Slater und vor allem unsere Protagonistin Stacey vorstellen. Stacey liebt Musik, müsst ihr wissen. Sie hat außerdem eine sehr hohe Meinung über ihre eigene Fähigkeit, den perfekten Song für jede Gelegenheit zu finden. Und wann könnte das wichtiger sein als am letzten Abend in ihrer verschlafenen Kleinstadt, an dem sie es mit dem perfekten Mixtape nochmal so richtig krachen lassen wollen? Denn schon am nächsten Morgen wollen Slater und Cassandra den gemeinsamen Road Trip und Stacey ihre Flucht nach New York, wo sie ihrer Passion für Musik-Kuration nachkommen will, in die Tat umsetzen.
So far, so Dazed and Confused. Oder Booksmart für die etwas Jüngeren. Mit einer Prise Ferris Bueller vielleicht. Und Charakterisierungen aus The Breakfast Club selbstverständlich. Der Punkt ist: es wird sich großzügig an Inspirationen bedient. Anders als die genannten Filme befinden wir uns aber eingangs kaum im Hier und Jetzt des Narrativs. Eine seltsame Entscheidung für meinen Geschmack.
Stattdessen laufen wir für die erste Hälfte des Spiels durch ein Jugendzimmer nach dem anderen und erinnern uns mithilfe von Fotos und anderen Memorabilia an wiederum frühere Erlebnisse unserer drei Charaktere, zu denen wir zu dem Zeitpunkt noch gar keine Gelegenheit hatten, eine Beziehung aufzubauen.
Staceys erster Kuss. Der nächtliche Einbruch im Dinopark. Aufnahmen in der Photo Booth. All das klingt auf dem Papier vage interessant, aber entbehrt jeglicher Substanz eben genau, weil wir die Charaktere noch nicht kennen. Nur die Hits, kein Kontext. Was Mixtape hier zur Schau stellt, spiegelt sich in dem Greatest Hits Ansatz des Soundtracks perfekt wider.
Wenn Ellie und Riley in der DLC zu The Last of Us zusammen in die Photo Booth gehen, dann tun sie das nach einem gemeinsamen Tag in einem verlassenen Einkaufszentrum. Wir waren dabei, als die beiden sich in der Buchhandlung furchtbare Dad Jokes vorgelesen haben. Wir haben erlebt, wie aufwändig und teils gefährlich es war, den Strom überhaupt anzuschalten, der für einige Attraktionen des Nachmittags vonnöten war. Wir konnten beobachten, wie die beiden sich auch romantisch immer näher gekommen sind. Davon leben die Spannung, die Nähe und die Wärme, die Ellie und Riley in eben jener Photo Booth ausstrahlen. Das Highlight entwickelt nur dann Bedeutung, wenn es einen Kontrast gibt. Ansonsten ist alles nur gleichermaßen grell.
Mixtape auf der anderen Seite präsentiert sich über weite Strecken durch die verzerrende Brille gleich doppelter Nostalgie. Während wir hoffentlich nostalgisch auf die gezeichneten Bilder einer nachempfindbaren Jugend blicken, schauen die Charaktere gleichermaßen nostalgisch auf die definierenden Momente ihrer gemeinsamen Zeit. Dabei entsteht zu selten das Gefühl, dabei zu sein, wenn tatsächlich Erinnerungen gemacht werden. Sondern nur wenn über die gemachten Erinnerungen reminisziert wird.
In der zweiten Hälfte zieht der Plot dann etwas an. Der letzte gemeinsame Abend fängt an, in den Vordergrund zu treten. Autoritären Eltern wird entgegengetreten. Partys werden gepartyd. Alkohol wird gesucht, gefunden und konsumiert. Konflikte schwelen auf und werden beigelegt. Arme werden in fahrenden Autos stehend gehoben. Wie in der einen Szene aus The Perks of Being a Wallflower mit einem bisschen mehr magischen Realismus, ihr wisst schon.
Das ist alles nicht der große Wurf, aber bietet wenigstens so etwas wie eine aktive Handlung. Dass die wohl als kathartischer Höhepunkt angedachte Konfrontationszene zwischen Cassandra und ihrem Arschloch-Cop-Vater ausgerechnet vor einer brennenden Holzhütte im Wald stattfindet, hat bei mir eher Bilder von den verheerenden Waldbränden in Kalifornien evoziert als cooles Teenager-Rebellentum, aber zugegebenermaßen behauptet Mixtape auch nie, in unserer Realität zu spielen. Es geht um eine Erhöhung des Erlebten, was mich persönlich nur noch weiter von dem Material distanziert hat.
Mechanisch zusammengehalten wird das Ganze von teils inspirierten, teils monotonen aber durchweg behäbigen und ungenauen Minispielen, die mich zwar hier und da zum Schmunzeln brachten, aber kein Gefühl von Wirksamkeit in der Welt aufkommen lassen.
Bliebe noch der Soundtrack. Nur die Hits, ich erwähnte es bereits. Wessen Hits bleibt für mich aber ein großes Fragezeichen. Vor allem die zeitliche Einordnung scheint mir schwierig bis unmöglich. Wahrscheinlich ist die Idee, einen zeitlosen Soundtrack anzubieten, der auf mich eher beliebig wirkt. Ein Gefühl, das erneut verstärkt, dass Mixtape keine Spezifität, schlimmer, keine Identität findet. Die gewählten Titel sind kaum in der Lage, tatsächlich eine zusammenhängende Ära zu definieren. Natürlich können Teenager auch ältere Songs hören, gerade wenn sie sich selbst als ausgewiesene Musik-Kennerinnen verstehen, aber wenn das titelgebende Mixtape sich hauptsächlich aus den 80ern und 90ern speist, Ausreißer in die 2000er und sogar 2010er Jahre aufweist sowie Oldies von 1971 einstreut, ergibt sich ein Bouquet aus 40 Jahren Musikgeschichte, das in dem Versuch, alle Jugenden zu erfassen, am Ende keine trifft.
Und so präsentiert sich Mixtape letztlich als eine merkwürdig einförmige Nostalgie-Pampe, die sich aus viel zu vielen leeren Kalorien zusammensetzt und schon fast vorbei ist, wenn die Handlung endlich ein wenig Fahrt aufnimmt. In dem Jahr, in dem Meredith Gran mit ihrem Meisterwerk Perfect Tides: Station to Station eindrucksvoll gezeigt hat, wie profund und erhellend der Blick in die Vergangenheit sein kann, wenn er nicht von mehreren Einheiten leerer Nostalgie übergossen wurde, kann ich Mixtape wirklich niemanden ans Herz legen. Macht lieber eure eigenen Erinnerungen.
Review: Niklas Kuck
Cover: Martha Telschow und Niklas Kuck
Titelmusik: Paul Biegler, David Pfabe und Niklas Kuck – HENDIATRIS Game Club
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Noch dieses Jahr soll es soweit sein: das heiß erwartete Fable Reboot mittlerweile unter der kreativen Federführung von Playground Games wird wohl im Herbst 2026 und damit sechs Jahre nach der Ankündigung veröffentlicht werden. Der perfekte Zeitpunkt also, um in die Vergangenheit zu schauen und das Spiel unter die Lupe zu nehmen, mit der das beliebte Xbox-RPG seinen Anfang nahm. Fable, das ursprünglich für den Sega Dreamcast entwickelt werden sollte, fand mit Lionhead Studios unter der Leitung von Peter Molyneux bei Microsoft ein neues zu Hause und versprach die immersivste und reaktivste Welt, die es bis dahin in Videospielen gegeben haben sollte. Diese Vision war schon zur Zeit des ursprünglichen Releases im Jahr 2004 ein wenig ambitioniert, aber gute 20 Jahre später zeigen sich uns und unserem Gast Şahin Balur deutlich die Lücken dieses sehr speziellen Rollenspiels.
Wer sagt denn, dass ein Appetizer kurz sein muss?! Außer Sebs Blick, als ich das fünfte Spiel unserer kleinen Vorfolge in den Ring geworfen habe. Aber wie dem auch sei: heute dürft ihr euch gemeinsam mit uns für Fable aufwärmen. Und zwar nicht nur mit unserem tollen Gast Şahin sondern auch mit viel Zelda, einer Prise Opus: Prism Break, einem Hauch The Messenger und natürlich insbesondere den Spielen, die ihr im Titel bereits gelesen habt. Also, guten Appetit, lasst es euch schmecken… und wenn es das tut, dann lasst natürlich gerne andere an der kleinen Snack-Mahlzeit teilhaben. Wir hören uns am 01. Mai wieder, wenn wir am Tag der Arbeit zum Schuften nach Albion in die Welt von Fable aufbrechen.
Cover: Martha Telschow und Niklas Kuck
Titelmusik: Paul Biegler, David Pfabe, Hannah Ryan und Niklas Kuck – HENDIATRIS Game Club